Research to Business

Wie Wissenschaft in der Gesellschaft ankommen kann

Technologietransfer – das bedeutet nicht nur Transfer von Forschungsergebnissen in die Industrie zu beiderseitigem wirtschaftlichen Nutzen. Sondern auch Beiträge zu gesellschaftlichen Herausforderungen zu leisten und einen positiven Einfluss auf das Leben der Menschen zu nehmen. Wie Technologietransfer-Einheiten dies aktiv vorantreiben können und wie wichtig Mut und Risikobereitschaft an wissenschaftlichen Einrichtungen dafür sind, darüber schreiben Dr. Jens Fahrenberg und Anke Weigel vom Innovations- und Relationsmanagement am Karlsruher Institut für Technologie.

 

Ein Beitrag von Jens Fahrenberg und Anke Weigel

 

Mit der Frage, wie wir die Bedeutung von Inventionen und Innovationen für die Zivilgesellschaft klarer aufzeigen können, beschäftigen wir uns als Technologietransfer-Einheit schon seit Jahren. Besonders das vergangene Jahr hat aber überdeutlich gezeigt, wie wichtig es ist, wissenschaftliche Arbeitsweisen und Erkenntnisse verständlich, nachvollziehbar und wertschöpfend aufzubereiten. Unser Kerngeschäft ist die Kommerzialisierung dieser Forschungsergebnisse, indem wir zum Beispiel Schutzrechte und das damit verbundene Know-how an Unternehmen lizenzieren oder die Ausgründung eigener Unternehmen der wissenschaftlichen Beschäftigten unterstützen. Schon hier gilt es, den angestrebten Effekt neben der finanziellen Einnahme zu vermitteln: Im besten Fall schafft das Forschungsergebnis die Sicherung oder sogar Neuschaffung von Arbeitsplätzen, trägt zu einem starken Wirtschaftsstandort Deutschland bei und steigert so auch die Lebensqualität der Bürger*innen.

Technologietransfer in Konkurrenz zur Wissenschaft?

Diese Entwicklung mit der Freiheit für Forschung und Lehre zu kombinieren, scheint erst einmal schwierig. Professorinnen, Professoren und Beschäftigte der öffentlichen Forschung kümmern sich selbstverständlich nicht vordergründig um die Kommerzialisierung ihrer Forschung und sollen für Aktivitäten im Innovationsprozess auch nicht an ihrer Arbeit gehindert werden. Immer mehr wissenschaftliche Beschäftigte sehen das Thema Transfer jedoch inzwischen als integralen Teil ihrer Tätigkeit. Der wissenschaftlichen Einrichtung und ihrer Technologietransfer-Einheit kommt dann die Aufgabe zu, Aktivitäten im Innovationsprozess so zu unterstützen, dass keine Zielkonflikte entstehen, zum Beispiel bei der Erfolgsmessung der wissenschaftlichen Leistung. Das betrifft die Kultur der Wissenschaftsgemeinschaft im Ganzen: Wenn Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Medien von Schutzrechtsanmeldungen oder rechtlichen Prüfungen von Verträgen verzögert werden, ist das kontraproduktiv. Hier ist also das Forschungsmanagement mit seinen Dienstleistungen gefragt – wir müssen zügig und dynamisch im Austausch arbeiten, um solche Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen.

Arbeiten im Dialog

Wie komplex Wissenschaft im öffentlichen Diskurs gesehen wird, hat die Corona-Pandemie beispiellos gezeigt. Die Arbeitsweise aus Versuch und Scheitern, die Validierung von bisherigen Ergebnissen, die offene aber faktenbasierte Diskussion über die Interpretation von Daten – Teile der Gesellschaft haben diese Vorgehensweise negiert und waren den „einfachen“ Lösungen zugeneigt. Ein Großteil der Menschen aber fordert ein, was die Wissenschaft bieten kann: Fakten zu erarbeiten, Entscheidungen auf Basis dieser Fakten zu empfehlen und trotzdem immer wieder zu überprüfen, ob die Sachlage sich verändert hat und die Entscheidungen nachhaltig richtig waren. Unterschiedliche Sichtweisen berücksichtigen und differenzierte Perspektiven auf ein Thema einfließen zu lassen, das sind erste Schritte für den Transfer in Wirtschaft und Gesellschaft. Praktisch kann dies manchmal ganz bürgernah ablaufen. Das KIT setzt dies beispielsweise in Reallaboren wie „Quartier Zukunft – KIT findet Stadt“ und „Testfeld für Autonomes Fahren“ um. Damit wird innovative Wissenschaft mitten in der Stadt erlebbar. Auch neben diesen Großprojekten kann der Technologietransfer viel tun, um den Dialog zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zu stärken.

Dialog und Perspektivwechsel sind wichtige Bausteine für gelebten und erfolgreichen Transfer – wie hier auf dem Innovationstag des KIT. (Foto: KIT/ Robert Fuge und Magali Hauser)
Dialog und Perspektivwechsel sind wichtige Bausteine für gelebten und erfolgreichen Transfer – wie hier auf dem Innovationstag des KIT. (Foto: KIT/ Robert Fuge und Magali Hauser)

Menschen zusammenbringen, in jeder Dimension

Diese Arbeit fängt im Kleinen an: indem Forscher*innen zum Beispiel schon direkt nach der Erfindungsmeldung dabei unterstützt werden, über den Einsatzzweck und Verwertungsoptionen konkret nachzudenken. Indem wir ihnen eine Plattform und einen Rahmen bieten, wo sie ihre Arbeit außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft präsentieren können. Der Technologietransfer am KIT tut dies zum Beispiel mit der Technologiebörse RESEARCH TO BUSINESS, über Veranstaltungen des KIT-Business-Clubs oder den Innovationstag NEULAND. Ein anderes Publikum, andere Impulse und Fragen: solche Austauschmöglichkeiten helfen, Forschungsarbeit und gesellschaftlichen Bedarf zusammen und in den Dialog zu bringen.

Innovativer Treffpunkt in Karlsruhes Innenstadt: TRIANGEL OPEN SPACE. (Bild: www.triangel.space)
Innovativer Treffpunkt in Karlsruhes Innenstadt: TRIANGEL OPEN SPACE. (Bild: www.triangel.space)

Mit einem innovationsfreundlichen Mindset an der Wissenschaftseinrichtung lassen sich sogar außergewöhnliche Leuchtturmprojekte mit direkter Sichtbarkeit für Bürgerinnen und Bürger umsetzen. In Karlsruhes Innenstadt ist kürzlich genau solch ein Anlaufpunkt mit Strahlkraft entstanden. Das neu gegründete Innovationszentrum TRIANGEL befindet sich auf Karlsruhes zentraler Einkaufsmeile und ist als offene Begegnungsstätte für sehr unterschiedliche Personengruppen gedacht: Hier sollen Studierende auf Industrievertreter*innen treffen, junge Gründer*innen auf Bürger*innen, die eben mal reinschauen, weil sie die Straßenbahn verpasst haben. Beim Warten auf den Coffee to Go kann sich jedermann aktuelle Ausstellungsstücke und innovative Prototypen anschauen und nach wenigen Minuten vielleicht nicht nur ein Heißgetränk, sondern auch inspirierendes Wissen mitnehmen.

Eine noch stärkere Symbiose wird im ZEISS Innovation Hub gelebt, der vor den Toren des KIT Campus Nord in Kooperation zwischen KIT und seinem strategischen Unternehmenspartner gebaut und kürzlich offiziell eröffnet wurde. Hier findet zum Beispiel die KIT-Ausgründung Nanoscribe mit ihren inzwischen über 80 Beschäftigten Platz und eine hervorragende Ausstattung. Das Unternehmen, inzwischen Weltmarktführer beim 3D-Druck auf der Nanometerskala, wurde 2007 von vier KIT-Wissenschaftlern gegründet. ZEISS hat sich schon früh als Gesellschafter beteiligt. Diesen Geist gemeinschaftlicher Innovation atmet das gesamte Gebäude. Hier haben Gründer*innen unbürokratischen Zugriff auf Räumlichkeiten und Austauschmöglichkeiten und Studierendengruppen arbeiten an ihren außercurricularen Projekten.

Transfer braucht Risiko

Keine dieser Initiativen wäre Realität geworden, ohne die Bereitschaft, übliche Wege des Wissenschaftsbetriebs zu verlassen, Zeit, Geld, Energie und Überzeugungskraft zu investieren und damit ein gewisses Risiko einzugehen. Öffentliche Wissenschaft ist steuerfinanziert und muss verantwortungsvoll und im Sinne der Gesellschaft mit diesen öffentlichen Geldern umgehen. Bei der Finanzierung von wissenschaftlichen Themen sind die Ausgaben transparent dargelegt und werden intensiv geprüft, zum Beispiel über die programmorientierte Forschung der Helmholtz-Gemeinschaft. Im Technologietransfer braucht es ebensolche Standards, um Daueraufgaben, wie das Intellectual Property Management, nachvollziehbar zu erfüllen. Andere Projekte – insbesondere solche, die für mehr Interaktion mit Bürgerinnen und Bürgern ausgelegt sind – gehören nicht zum Routine-Repertoire des Wissenschaftsmanagements. Nichtsdestotrotz brauchen sie Raum zum Wachsen und die individuelle Unterstützung von Geldgebern und Weichenstellern aus der eigenen Einrichtung. Dafür lohnt es sich, sich zu engagieren: Die Wissenschaft im Sinne der Zivilgesellschaft braucht die praktische Unterstützung eines gut vernetzten, kreativen und service-orientierten Technologietransfers.

Zum Autor: Jens Fahrenberg

Dr.-Ing. Jens Fahrenberg ist seit 2002 für den Technologietransfer verantwortlich, der am KIT in die Dienstleistungseinheit Innovations- und Relationsmanagement (IRM) eingebettet ist. Darüber hinaus hat er verschiedene Aufgaben und Funktionen im regionalen und nationalen Umfeld des Wissens- und Technologietransfer, zum Beispiel als Vorstand der TransferAllianz e.V..

Zur Autorin: Anke Weigel

Anke Weigel leitet das Technologiemarketing beim Innovations- und Relationsmanagement des KIT. Ihre Themen sind die Vermarktung von Forschungsergebnissen in die Industrie sowie die Innovationskommunikation und -kultur an der Forschungseinrichtung.

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1 Kommentare zu diesem Artikel

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Sara Matt
12. Februar 2021 um 12:18

Ein super Artikel! Vor allem auch das Statement „Transfer braucht Risiko“ trifft den Nagel auf den Kopf. Neben klassischer Transferarbeit, die im Wesentlichen auf Patentierung, Lizenzierung und Gründung beruht, muss in anderen Wissenschaftsgebieten neu und offen gedacht werden dürfen- mit dem Ziel möglichst viel Wissen in die Gesellschaft zu bekommen! Hier muss es um Gestalten und nicht Verwalten gehen und kreative und mutige Menschen werden gebraucht, die mit fundiertem Wissen, viel Erfahrung aber unbedingt auch mit viel Leidenschaft ihrer Berufung nachgehen. Universitäten und Forschungseinrichtungen der Zukunft erkennen das und stellen sich dementsprechend auf- KIT ist hier ein super Beispiel- NACHAHMENSWERT!

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