Research to Business

Vom Labortisch zum Krankenbett - Interview mit Prof. Dr. Véronique Orian-Rousseau

Prof. Dr. Véronique Orian-Rousseau ist Professorin für Genetik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Mitgründerin des Pharma Start-ups amcure. Nach ihrer Promotion an der Universität Straßburg kam die französische Wissenschaftlerin ans KIT (ehemals Forschungszentrum Karlsruhe). Seit 2003 leitet sie hier eine Arbeitsgruppe am Institut für Biologische und Chemische Systeme - Funktionelle molekulare Systeme.

Ihre Forschung konzentriert sich auf die Rolle von Zelladhäsionsmolekülen in der Tumorprogression und Metastasierung, mit einem Fokus auf Bauchspeicheldrüsen-, Brust- und Darmkrebs sowie Leukämie. Die Entwicklung eines Peptids in ihrer Gruppe, welches das Tumorwachstum und die Metastasierung von Bauchspeicheldrüsenkrebs in Tiermodellen hemmt, führte zusammen mit anderen Wissenschaftlern des KITs (H. Ponta, A. Matzke-Ogi, M. Klaften) zur Gründung des Start-ups Unternehmen amcure. Aktuell untersucht das Unternehmen im Rahmen von klinischen Studien die Wirkung der Substanz an Patienten und damit einen möglichen therapeutischen Einsatz in der Krebstherapie. Wir sprachen mit Prof. Orian-Rousseau über ihre Erfahrungen in der Verwertung der eigenen Forschungsergebnisse und inwiefern die Gründung von amcure ihre Arbeit als Wissenschaftlerin veränderte.

Prof. Dr. Orian-Rousseau zusammen mit ihrer Arbeitsgruppe. Von links nach rechts: Lisa Geiges, Sven Treffert, Leonel Munoz-Sagredo, Dominique Hoch, Steffen Sonnentag, Romina Walter, Lisa-Marie Mehner,  Yvonne Heneka, Thomas Lousteau, Veronique Orian-Rousseau, Karolin Streule. (Bild: Prof. Orian-Rousseau)
Prof. Dr. Orian-Rousseau zusammen mit ihrer Arbeitsgruppe. Von links nach rechts: Lisa Geiges, Sven Treffert, Leonel Munoz-Sagredo, Dominique Hoch, Steffen Sonnentag, Romina Walter, Lisa-Marie Mehner, Yvonne Heneka, Thomas Lousteau, Veronique Orian-Rousseau, Karolin Streule. (Bild: Prof. Orian-Rousseau)

Prof. Orian-Rousseau, im Jahr 2011 haben sie gemeinsam mit KollegInnen am KIT die amcure GmbH gegründet. Was hat Sie dazu motiviert, als akademische Forscherin ihr Projekt in ein eigenes Unternehmen zu überführen?

Prof. Orian-Rousseau: In meiner Arbeitsgruppe betreiben wir Grundlagenforschung. Zu diesem Zeitpunkt untersuchten wir die molekularen Wirkmechanismen eines Proteins, das an der Tumorprogression und Metastasierung beteiligt ist. In verschiedenen Experimenten, einschließlich Tiermodellen, erhielten wir vielversprechende Ergebnisse. Mittels eines spezifischen Peptides, gelang es uns, das Tumorwachstum zu hemmen und Krebszellen daran zu hindern, Metastasen zu bilden und aufrecht zu erhalten. Das von uns identifizierte Protein ist in unterschiedlichsten Krebstypen überexprimiert. Einen Mechanismus zu finden, um dieses Protein zu blockieren, hatte und birgt noch immer ein hohes Potential, um daraus ein Medikament zu entwickeln. Ein solches Vorhaben benötigt natürlich sehr viel Geld. Mit der Unterstützung des KIT gelang es, unsere Entwicklung zu patentieren, ein Start-up zu gründen und Investoren für die Weiterentwicklung zu gewinnen. 

 

Was waren Ihre Erfahrungen im Laufe der Gründung von amcure? Welche Art von Unterstützung haben Sie gehabt?

Prof. Orian-Rousseau: Wir erhielten damals viel Unterstützung von der Innovationsabteilung des KIT. Angefangen bei der Antragstellung des Patents, über das Einwerben von Fördermitteln bis zur Vernetzung mit Investoren. Für die Anträge benötigten wir einen Business Plan, Marktanalysen etc., etwas, womit wir natürlich keine Erfahrung hatten. Natürlich schreiben wir Forschungsanträge, aber das ist etwas vollkommen anderes. Die Gründerplattform informiert auch regelmäßig über aktuelle Erfindungen und Ausgründungen am KIT, was eine sehr schöne Motivation für alle Gründungsinteressierten ist, wie ich finde.  

Was ich als akademische Forscherin sehr schwierig empfunden habe, ist überhaupt Investoren zu finden und den Kontakt mit ihnen zu halten. Normalerweise nehme ich im Rahmen meiner Arbeit an wissenschaftlichen Konferenzen teil, bei denen es sich nicht unbedingt um Veranstaltungen handelt, bei denen man Investoren findet. Die Schwierigkeit ergab sich auch aus der Tatsache, dass wir ein therapeutisches Medikament entwickelten. Ein Medikament auf den Markt zu bringen, ist ein sehr schwieriger und langwieriger Prozess. Selbst nach dem Start der klinischen Phase dauert es mindestens noch einmal zehn Jahre. Außerdem besteht jederzeit das Risiko, dass abgebrochen werden muss, was für Investoren natürlich ein enormes Risiko darstellt. Nicht alle Investoren kamen aus dem Bereich Biologie und der Krebsforschung und wir mussten ihr Interesse für unsere eigene Arbeit gewinnen. Das war nicht einfach. Wir hatten Kontakt zu Unternehmen aus Deutschland, Frankreich, Belgien, der Schweiz und sogar den USA. Sicherlich wäre es hilfreich gewesen, durch spezifisch trinationale Vernetzungsangebote, einen leichteren Zugang zu potenziellen Investoren aus den Nachbarregionen in Frankreich oder der Schweiz zu bekommen.

 

Inwiefern hat die Gründung von amcure Ihre Arbeit als Wissenschaftlerin beeinflusst?

Prof. Orian-Rousseau: Am Anfang war ich stark in die Aktivitäten von amcure involviert. Ich habe Postdocs betreut, die für amcure gearbeitet haben und es gab einen engen Austausch mit allen Beteiligten. Aktuell bin ich Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von amcure, und werde immer über aktuelle Fortschritte informiert. Natürlich war ich und bin immer noch zu hundert Prozent akademische Wissenschaftlerin.
Damals haben meine Kolleginnen und Kollegen die Ausgründung und den Kontakt zu potenziellen Investoren im Wesentlichen vorangetrieben. Nichtsdestotrotz sprach ich natürlich auch mit Investoren, was für mich neu war. Bei einer Konferenz wurde ich von einem Mitarbeiter eines großen deutschen Pharmaunternehmens angesprochen, der mich einlud, unsere Daten in der Firma zu präsentieren. Das war eine neue Erfahrung für mich und schön zu sehen, dass die Firmen Interesse an der eigenen Arbeit zeigten. Heute halte ich eine Vorlesung an der Universität Heidelberg (Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg) über das Gründen und wie man sich aus der akademischen Forschung mit einem Start-up selbstständig machen kann. Dabei erkläre ich schrittweise, wie wir damals vorgegangen sind. Es macht mir großen Spaß, dieses Wissen an die Studierenden weiterzugeben.

 

Ihre Arbeitsgruppe beteiligt sich aktuell an dem Förderprogramm „EURIdoc“ (Eucor Upper Rhine Immunology doctoral programme), das sich speziell an internationale Promovierende richtet und von dem trinationalen Universitätsverbund EUCOR hervorgerufen wurde. Was sind für Sie Vorteile der Vernetzung und Zusammenarbeit mit Partnern in der Oberrheinregion?

Prof. Orian-Rousseau: Das Programm bedeutet für uns, gemeinsam mit Top-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Frankreich, der Schweiz und innerhalb Deutschlands zusammenzuarbeiten. Das ist eine tolle Chance für alle Beteiligten. Wir stehen in engem Austausch mit den Partneruniversitäten und unsere Studierenden aus Karlsruhe bekommen die Möglichkeit, Kurse an den anderen EUCOR-Universitäten zu besuchen. Wir werden zunächst über vier Jahre zusammenarbeiten und hoffentlich mehrere wissenschaftliche Papers gemeinsam publizieren. Unser Ziel ist es, eine weitere EU-Förderung für die Jahre danach zu erhalten.

 

Prof. Orian-Rousseau, vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Katharina Stöckle.

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