Veröffentlicht am 05. März 2026
Kohlenstofffreie PoWer für Land‑ und Baumaschinen
Ein Mähdrescher in der Erntesaison kennt keine Pause. Wenn das Korn reif ist, bleibt nur ein kurzes Zeitfenster, um es einzuholen – oft nur wenige Tage. Regen oder starker Wind können die Ernte in kürzester Zeit gefährden oder unbrauchbar machen. Deshalb läuft eine leistungsstarke Landmaschine im Zweifel rund um die Uhr. Bis zu 1.400 Liter Diesel verbraucht sie unter anspruchsvollen Erntebedingungen täglich, um unter Staub, Hitze und Dauerlast die Feldarbeit zu verrichten. „Diese enorme Energiemenge in Form von Batteriespeichern mitzunehmen, ist im Bereich der Offroad-Maschinen nahezu unmöglich“, sagt Dr. Uwe Wagner, der sich als Gruppenleiter am Institut für Kolbenmaschinen (IFKM) des KIT mit alternativen Kraftstoffen beschäftigt. „Auch unter Berücksichtigung der motorischen Wirkungsgrade wäre eine Batterie mindestens um den Faktor fünf schwerer oder größer als ein vergleichbarer Dieseltank“, so Wagner weiter. Die Energiedichte von Batterien reiche nicht aus, um an die Leistung und Laufzeit von Dieselmotoren heranzukommen. Und selbst wenn, wären die Ladezeiten während der Ernte wirtschaftlich nicht tragbar. Praktikabel ist die Elektrifizierung für schwere Nutzfahrzeuge folglich nicht. Nutzenden und herstellenden Unternehmen ist jedoch klar, dass Antriebe mit fossilen Kraftstoffen auf Dauer nicht nachhaltig und vertretbar sind. Die Energie- und Mobilitätswende macht auch vor der Landwirtschaft nicht Halt. Genau hier setzt das Projekt „PoWer – Potenzial von Wasserstoffmotoren für effiziente und robuste Offroad-Anwendungen“ an. Gemeinsam mit Industriepartnern wie MAHLE, DEUTZ, CLAAS und weiteren Partnern untersucht das KIT, wie sich Wasserstoffmotoren für Land- und Baumaschinen effizient, langlebig und praxistauglich realisieren lassen.
Die Zukunft fährt H₂eavy Duty
Das PoWer-Projektteam setzt auf Wasserstoff als Energieträger für die sogenannten Heavy-Duty-Anwendungen, also Antriebe mit hoher Leistung unter extremen Bedingungen. „Der Charme von Wasserstoff ist seine Kohlenstofffreiheit. Wenn wir Wasserstoff verbrennen, entsteht kein CO₂, sondern Wasser, das die Umwelt per se nicht belastet. In vielen Schwerlastanwendungen ist der Verbrennungsmotor wirkungsgradtechnisch mindestens auf Augenhöhe mit einer Brennstoffzelle – teilweise sogar besser“, erklärt Wagner. „Mit einem Verbrennungsmotor ist es fast egal, wie staubig es auf dem Feld ist. Er ist sehr robust gegenüber Staub und Temperaturen, während Brennstoffzellen hier deutlich sensibler reagieren. Deshalb bauen wir auf die Verbrennertechnologie“, ergänzt Kollege Jürgen Pfeil, Gruppenleiter für Optik und Ölkreisläufe am IFKM. Weitere Faktoren sprechen für einen Wasserstoff-Verbrennungsmotor, um sich mit heutigen Dieselmotoren messen zu lassen: hohe Dauerleistung, lange Lebensdauer, kurze Betankungszeiten sowie die Möglichkeit, bestehende Motorarchitekturen weiterzuentwickeln.
Von Diesel zu Wasserstoff – mehr als Kraftstoffwechsel
Ausgangspunkt ist ein bewährter Dieselmotor, der vom Partner Deutz zur Verfügung gestellt wird. Obwohl die Projektpartner nicht bei null ansetzen, verändert Wasserstoff als Kraftstoff die Spielregeln. Die Brennraumgeometrie eines Dieselmotors als Basis ist geometrisch nicht ideal für einen Wasserstoff-Ottomotor. Dieselmotoren arbeiten verfahrensbedingt mit hoher Verdichtung. Das bedeutet, die Luft im Zylinder wird stark komprimiert, bevor der Kraftstoff eingespritzt wird und eine heterogene Gemischbildung vorliegt. „Da Wasserstoffmotoren bevorzugt mit homogenen Gemischen betrieben werden und Wasserstoff viel leichter zündet, ist diese Verdichtung zu hoch. Sie würde zu unkontrollierter Selbstzündung führen, die sich als Vorentflammung oder Klopfen zeigt. Um das zu vermeiden, müssen wir das Verdichtungsverhältnis reduzieren, den Brennraum neugestalten und eine passende Einspritzstrategie entwickeln. Daher optimieren wir den Motor nicht nur für Effizienz, sondern auch für Sicherheit – ohne Wirkungsgradeinbußen hinnehmen zu müssen“, erläutert Wagner die Komplexität.
Der Forschungsmotor
An einem 1-Zylinder-Motor untersuchen die Forschenden aktuell verschiedene Auslegungsvarianten und Betriebsparameter. Pfeil berichtet: „Während Diesel mit bis zu 2.500 bar direkt eingespritzt wird, erfolgt die Wasserstoffeinblasung über ein Saugrohr oder direkt in den Brennraum bei etwa 10 bis 40 bar. Wir testen und messen, wie sich die Einspritzstrategie auf die Homogenität des Luft-Kraftstoff-Gemischs auswirkt. Je homogener die Mischung, desto stabiler läuft die Verbrennung ab.“ Simulationen begleiten die Optimierungsversuche. „Im Projektverbund haben wir bereits einen funktionierenden Wasserstoffmotor, der mehrere 100 Stunden mit guten Messwerten und ohne gravierende Materialermüdung läuft“, erzählt Pfeil stolz. Ziel ist es, die Motorplattform in einen leistungsfähigen 6-Zylinder-Wasserstoffmotor für den realen Offroad-Einsatz zu überführen– systemisch gedacht, von der Verbrennung bis zur Abgasnachbehandlung.
Werkstoffe unter Wasserstoffstress
Wasserstoff beeinflusst bei Kontakt auch das Material im Motor. Dr. Stefan Guth, Laborleiter am Institut für Angewandte Materialien (IAM), macht deutlich: „Wasserstoff ist materialtechnisch anspruchsvoll. Er diffundiert in metallische Werkstoffe und verursacht dort sogenannte Wasserstoffversprödung – eine Reduktion der Verformbarkeit, die zu sprödem Bruch und im Motorbetrieb zu geringeren Lebensdauern führen kann.“ Bei PoWer untersucht Guth mit seinem Team „Werkstoffkunde“ typische Motor- und Abgaskomponenten unter zyklischer Belastung. Die Forschenden prüfen dafür unterschiedliche Stähle, Gusseisen und weitere Materialien nach elektrolytischer Wasserstoffbeladung: Proben werden in ein Elektrolytbad gelegt, gezielt mit Wasserstoff angereichert und anschließend mechanisch wechselnd, z. B. in Zug-Druck-Versuchen, bis zum Ermüdungsversagen belastet – ein Test unter Extrembedingungen. „Wir sehen Reduktionen der Ermüdungsfestigkeit von etwa 25 Prozent. Das bedeutet nicht automatisch das Aus für das Material, aber es verändert die Auslegung. Ziel ist es, belastbare Handlungsempfehlungen für unsere Industriepartner zu entwickeln. Wir prüfen weiterhin, ob Beschichtungen oder alternative Legierungen die negativen Effekte von Wasserstoff abmindern können“, so Guth.
Warum Wasserstoffmotoren neue Abgasfragen aufwerfen
Wasserstoffmotoren stoßen kein CO₂ aus, aber durch hohe Verbrennungstemperaturen können sich weiterhin Stickoxide (NOₓ) bilden. „CO₂-frei bedeutet nicht emissionsfrei“, macht Dr. Patrick Lott vom Institut für Technische Chemie und Polymerchemie (ITCP) klar. Eine besondere Herausforderung entstehe durch den bis zu 25 Prozent hohen Wasseranteil im Abgas. Wasserstoff verbrennt zu Wasserdampf – und dieser Wasserdampf macht es klassischen Katalysatoren auf Basis von nanoskaligen Metallpartikeln schwer, die Stickoxide abzubauen. Die vielen Wassermoleküle lagern sich auf den winzigen Nanopartikeln ab und verändern so die Oberflächenstruktur. Die reaktive Oberfläche wird reduziert. Dadurch sinkt die Wirksamkeit des Katalysators und die Fähigkeit, den Schadstoff zu zersetzen. Lott und sein Team suchen im Rahmen von PoWer nach Auswegen: Katalysatormaterialien, die bei wasserhaltigen Abgasen tolerant bleiben, ohne an Wirksamkeit zu verlieren. „Wir liefern im Labormaßstab das atomare Verständnis und die kinetischen Einblicke, wie etablierte Abgastechnologie auf die neue Anwendung adaptiert werden können. Sehr gute Ergebnisse liefern beispielsweise Kupfer- und Eisenzeolithe als Katalysator“, gibt Lott preis. Zusätzlich prüfen die Forschenden eine ganz neue Idee: Ob der Motor den vorhandenen Wasserstoff selbst als Reduktionsmittel nutzen könnte, um die Stickoxide zu reduzieren – ganz ohne AdBlue. „Das wäre eine elegante Lösung, weil wir auf einen zusätzlichen Harnstofftank verzichten könnten“, sagt Lott. Aus diesen Ansätzen entstehen gemeinsam mit den Industriepartnern Purem, NGK und Umicore komplette Katalysatorsysteme für den geplanten Demonstrator.
Systemdenken statt Einzeloptimierung
Bis Ende 2027 soll ein funktionsfähiger Motorprototyp in einer Landmaschine des Partners CLAAS integriert werden: ein wasserstoffbetriebener Offroad-Motor mit optimiertem Brennraum, validierten Werkstoffen und angepasstem Abgasnachbehandlungssystem. Über die Arbeiten am KIT hinaus werden nicht nur die Einzelkomponenten der Motorisierung, sondern das Gesamtfahrzeug und infrastrukturelle Themen betrachtet, wie etwa Komponentenfertigung, Fahrzeugintegration sowie sichere Tankinfrastruktur. Regelmäßige Konsortialtreffen bei den Partnern – vom Motorenwerk bis zur Mähdrescherfertigung – sorgen dafür, dass Theorie und Anwendung eng verzahnt bleiben. „Wenn wir sehen, wo unsere Entwicklungen später eingesetzt werden, bekommt die Forschung eine ganz andere Dynamik“, sagt Lott. Alle arbeiten auf eine gemeinsame Vision hin: Es geht nicht nur um saubere Luft, sondern um eine praktikable Technik, die sich rechnet. „Nutzende wollen eigentlich keine Abstriche machen. Keine Kompromisslösung, sondern ein echter Diesel-Ersatz. Wenn der Wasserstoffverbrenner die gleiche Leistung bringt, mit geringeren Emissionen und vergleichbaren Kosten – dann ist er ein echter ‚Game Changer‘. Besonders dort, wo Batterien nicht reichen: bei schweren Nutzfahrzeugen, Baumaschinen, Landmaschinen – und irgendwann vielleicht auch bei Schiffen oder Flugzeugen. Die Technologie ist da und wird eine Zukunft in der diversifizierten Mobilität haben“, bekräftigt Wagner.
Eckdaten des Förderprojekts PoWer
Verbundpartner: Mahle GmbH (Koordinator), CLAAS KGaA mbH, DEUTZ AG, Purem GmbH, Liebherr GmbH, Nagel Maschinen- und Werkzeugfabrik GmbH, Umicore S.A., NGK Europe GmbH und Castrol Limited, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) - Institut für Fahrzeugkonzepte sowie die drei KIT-Institute (Institut für Angewandte Materialien (IAM), Institut für Kolbenmaschinen (IFKM), Institut für Technische Chemie und Polymerchemie (ITCP) und TU Braunschweig - Institut für mobile Maschinen und Nutzfahrzeuge (IMN)
Ziel: Identifikation der H2-spezifischen Anforderungen an das System Motor inklusive Abgasnachbehandlung im Einsatzgebiet der nicht-straßengebundenen mobilen Arbeitsmaschinen (Agrar- und Baumaschinen)
Projektlaufzeit: August 2024 bis Juli 2027
Förderprogramm: BMWK-Förderinitiative „Neue Fahrzeug- und Systemtechnologien“
